Entscheidung gegen eine Immuntherapie
Marita Enke, 59 Jahre alt
MS-Diagnose seit 2008
Marita Enke hat bisher keine Erfahrungen mit Immuntherapien gemacht.
Nach der Diagnose kam die MS Betroffene in eine Rehabilitationseinrichtung. Sie hatte erwartet, dass ihr dort eine Empfehlung für eine Immuntherapie gegeben wird, aber dem war nicht so. Auch im späteren Verlauf wurde ihr nichts von ihrem Neurologen vorgeschlagen. Deshalb lebt sie seit der Diagnose ohne Immuntherapie und ist darüber glücklich.
"Was ich noch erwartet hatte … Doch. An was ich noch gedacht habe, war, dass jetzt irgendwas kommt mit diesen Medikamenten. Das war ja in der Klinikzeit nicht.
Und da habe ich gedacht, das werden die mir in der Reha erzählen. Und da kam nichts. Und ich habe da auch nicht nach gefragt. Doch, ich glaube irgendwann gab es mal ein Gespräch, dass dann jemand sagte, ja, das kommt dann später mit dem Neurologe zu Hause oder so. Aber keiner hat gesagt, dass ich irgendwas tun müsste. Ein bisschen was war mit Sport und so. Ja. Doch, es gab Ernährungsseminare. Das habe ich mir auch genau angehört. Bestimmte Nahrungsmittel, also bestimmte Lebensmittel sind sinnvoller und manche sind gar nichts. Das schon. Aber ansonsten war das so ein bisschen luftleerer Raum da.
Also was diese Medikamente angeht, hat NIE jemand gesagt, ich muss was nehmen, sondern eben bestenfalls in der Reha … Also vielleicht war schon in der Klinik, dass die gesagt haben, da kommt später was. In der Reha-Zeit kam dann … Ja, dann mal später zu Hause bei dem Neurologen. Aber es kam ja nichts. Und ich hatte ja auch keinen Neurologen. Ich wusste ja auch noch nicht wie es weitergeht. Und ich habe nicht nach Medikamenten gefragt. Ich habe mich auch nicht bewusst dagegen entschieden. Es lief einfach nichts, das ich hätte nehmen müssen und sollen. Es wurde mir nicht nahegelegt. Und als ich dann einen Neurologen hatte, von dem ich dann auch erfahren habe, als ich da mal später so ein bisschen drüber gucken konnte, der ist eigentlich sehr klassisch schulmedizinisch. Und er hat auch selber gesagt, die Dinge, die statistisch belegt sind, an die hält er sich. Aber wenn ich was anderes mache, na ja, gut, dann soll ich es machen. Aber es war eigentlich mehr dieses Level von, er widerspricht mir nicht. Er sagt nicht, ich soll es nicht tun. Aber er hat mich auch nicht gefördert, das zu tun. Das auch nicht. Aber er hat mich gelassen. Und er hat überhaupt nicht darauf bestanden, dass ich was nehmen sollte. Und weil keiner darauf bestanden hat, habe ich also aufgehört, nach der MS-Schwester zu suchen und nach den Medikamenten zu suchen und habe einfach gar nichts gemacht. Und habe gedacht, okay, ist wohl nichts.
Die Diagnose kam 2008. Jetzt ist 2019. Ich hatte noch einen Schub 2010. Und auch DA hat keiner gesagt, ich müsste was nehmen. Habe da ambulant mit Cortison auch nur mich behandeln lassen. Ambulant. Ich habe mich nie bewusst dagegen entschieden. Aber ich habe mich auch nie bewusst für irgendwas entschieden. Also wenn ich mich bewusst entschieden habe, dann habe ich mich bewusst für andere Dinge entschieden, für alternative Geschichten, aus Gefühl heraus. Aber nie die Frage, ich müsste jetzt was nehmen. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was. Also keiner hat mir gesagt, es gibt dies und es gibt das und welches willst du oder noch anders. Ich habe Glück gehabt. Ich glaube, ich habe Glück gehabt. Für mein Leben war das Glück, dass das keiner mir aufgedrängt hat.
Also für mich ist die MS … Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, was zu ganz vielem Weiteren geführt hat. Und zwar ging es darum, dass ich beim letzten Arbeitgeber eigentlich um Stundenreduzierung bitten wollte. Dem aber nicht sagen wollte, warum. Und habe das dann verschlüsselt und wollte das Wort MS aber auch nicht aufschreiben. Und dann brauchte ich irgendwas. Und habe aus so einem Effekt raus geschrieben: Myself. Also MS, verschlüsselt für mich erkennbar, MS, Myself. Und das war mir so rausgerutscht. Und so hatte ich das aufgeschrieben als Thema für die Teamsitzung irgendwie. Da wollte ich also irgendwie drüber reden, dass ich eine neurologische Erkrankung habe, eine chronische Geschichte, und wollte Stunden reduzieren. Und dieses Myself, das Wort MS, die Abkürzung MS, da ist so ein Ding gekommen … Also das war nur der Anlass.
Ich habe Stunden reduziert. Nee, habe ich dann doch nicht. Und dadurch war ich wieder froh, weil die Berentung aufgrund der damaligen Stundenzahl. Das war gut. Nee, aber auf jeden Fall dieses MS in Begrifflichkeit umzuwandeln in andere Begriffe, habe ich dann gemerkt, das ist meine Selbstverständlichkeit, das ist meine Selbstverständlichkeit, das ist mein Selbst, das ist meine Stimme, das ist mein … Ganz ganz viele Begriffe habe ich gefunden, die immer mit mir zu tun haben. Mein Sein. Also Ich. Also die MS Ich, okay. Und so habe ich ganz viel für mich dann gemerkt, wie es dann zusammengepasst hat. Ich habe nicht alles bewusst gemacht, aber es hat sich ganz vieles ergeben, dass ich mich ganz viel mit mir beschäftigt habe.
Ich habe dann durch die MS mir selbst die Erlaubnis gegeben, meine Hüft-Arthrose zu operieren, operieren zu lassen. Bei MS weiß man nicht, was noch kommt. Aber Hüfte, die Arthrose, die mich schwer beeinträchtigt hatte, viel mehr als die MS. Das wusste ich aber alles gar nicht. Jedenfalls die Arthrose habe ich operieren lassen tatsächlich. Und danach ging es mir so viel besser. Und da habe ich gemerkt, was an Energie mir fehlte, hatte ganz viel mit der Arthrose zu tun, das war gar nicht die MS. Aber die MS hat mir die Erlaubnis gegeben. Ich habe mir durch die MS erlaubt, mich um mich zu kümmern. Später kam die andere Hüfte noch dazu. Und mir ging das so viel besser. Ohne irgendwelche anderen Dinge, Medikamente oder irgendwas."
Thema: Entscheidung gegen eine Immuntherapie