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Einschränkungen und Anpassungen

Marina Neuser, 53 Jahre alt

MS-Diagnose seit 1999

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Frau Neuser hat hohe Ansprüche an sich selbst und bemerkt nun bei sich immer mehr eingeschränkte Kognitionsfähigkeiten.

"Also da ist etwas, das ist nicht Einbildung und das ist auch nicht alles nur emotional und Krankheitsverarbeitung oder schlechte Strategie oder schlechte Einstellung, sondern da ist etwas, aber das ist in einem Bereich, der eben… Ja, wie soll ich sagen? Ich habe hohe Ansprüche an mein eigenes Funktionieren. Andererseits, es ist so, dass ich jetzt in den letzten anderthalb Jahren, wenn ich einen Krimi gesehen habe, angefangen habe, nicht nur zurück zu spulen, sondern richtig zurück zu spulen und mich hinzusetzen mit Zettel und Stift: „Ah, das sind Geschwister, das ist das Ehepaar und das sind die Schwiegereltern.“ Und auch, die werden ja eingeführt, die Personen. Es ist ja eigentlich alles für den Normalbürger, der nun auch nicht so hochgestochen und super intelligent ist. Also es ist eigentlich eine Sache, die man verstehen können würde, müsste, sollte und ich kann dem nicht folgen. Ich kann mich natürlich berieseln lassen, aber wenn ich so ungefähr wissen will nachher, wenn der Mörder dann überführt ist… Und man hat ja immer ein Happy End, also Krimis sind ja eigentlich sehr moralisch. Jedenfalls, ich muss mir dann ja auch Vor- und Nachnamen aufschreiben, weil nachher sagen sie nur Harold und Lucy. Ja, danke. Ja? Das ist der Vorteil an Serien, da kennt man alle. Ich habe die letzten fünfzehn Jahre normalerweise Serien, Folgen auch zum fünften oder zum sechsten Mal mir angeguckt, wenn ich dann eine Serie hatte, die ich mochte. Ich habe die Leute wiedererkannt. Aber ich erkenne es einfach, ich erkenne Gesichter nicht gut wieder. Ich weiß, das passiert jedem Mal, aber das war früher anders.

Wenn ich zurückdenke, als ich angefangen habe zu arbeiten, wir waren dann umgezogen und ich hatte zu der Arbeitsstelle, die ich hatte, eine Stunde mit S-Bahn, U-Bahn, Bus, ich habe eine Hamburger Tageszeitung gelesen, nicht die mit den ganz vielen Bildern, so eine normale mit viel Text. Ich habe die komplett vollständig durchgelesen in dieser einen Stunde fahrt. Ich habe nicht die Wirtschaftstabellen studiert, aber ich habe Politik, Kultur, Gesellschaft, alles gelesen. Sport nicht, aber eigentlich komplett durchgelesen und das auch behalten und kannte in der Kantine auch die üblichen Themen und habe festgestellt, dass die Leute wirklich nur über das reden, was in der Zeitung steht oder was sie im Radio gehört haben. Gut, aber ich habe dann acht Stunden die Akten gelesen und bearbeitet, auf dem Rückweg habe ich dann eine Harburger Tageszeitung gelesen, um mich so ein bisschen in diesen neuen Bezirk einzudenken und die Leute dort. Wer ist da wichtig? Wo sind da Einrichtungen? Das ein bisschen kennenzulernen. Und abends, wir hatten damals noch keinen Fernseher, habe ich Literatur gelesen oder Spiegel. Ich habe gerne gelesen und ich habe es ja freiwillig gemacht. Das war einseitig. Aber wenn ich heute Zeitung habe, ich lese immer noch gerne Zeitung, ich verliere den Satz. Manchmal muss ich das festhalten. Immer wieder passiert das, dass ich nach vier, fünf Sätzen merke: „Du hast gar nicht aufgepasst. Worum geht es?“ Ich habe das gelesen und ich habe nicht aufgepasst, aber immer wieder passiert mir das auch. Ich hatte jetzt eben etwas aus der Süddeutschen, die lag in der Bahn, und da ist der Satzbau ein bisschen anders. Wo ist denn das Verb? Worum geht es? Und wenn es ein guter Artikel ist, dann lasse ich das sinken und denke nach und denke: „Ja, so hast du dir das vorgestellt, wenn du achtzig bist, da kannst du schön sinnieren. Klasse. Okay, mache ich das jetzt schon.“ Aber ich kann einfach so, ich erfasse es nicht, und das zu verarbeiten und trotzdem irgendwie schon fröhlich und zuversichtlich und hoffnungsvoll in die Welt zu gucken und zu sehen, was es alles sonst noch gibt, da habe ich doch immer… Und zwischendurch, wenn ich nachts nicht schlafen kann, ob nun wegen Schmerzen oder weil ich mal wieder auf das Klo muss oder Kälte, Wärme und so, dann kriege ich doch wieder Angst."

Thema: Einschränkungen und Anpassungen

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