MS Diagnose
Marita Enke, 59 Jahre alt
MS-Diagnose seit 2008
Den Moment der Diagnose beschreibt Frau Enke als einen der schlimmsten Momente in ihrer Erkrankungsgeschichte. Nach der Diagnosestellung wurde sie nicht wirklich mit Informationen versorgt.
"Also ich hatte, 2008, war das so, dass ich eine Woche lang ziemlich schlapp war und erschöpft war und gar nicht genau wusste, warum. Und dann habe ich mich krankschreiben lassen von meinem Hausarzt. Und irgendwie ein Infekt oder so, keiner wusste so genau. Und dann war das wieder vorbei. War gut. Und dann irgendwie knapp eine Woche dazwischen, dann habe ich Sehstörungen gehabt, Doppelbilder gesehen. Sehr unangenehm. Und ich war wieder krank geschrieben. War beim Augenarzt. Keiner wusste ja was. Und bei den Augenärzten, also da wurde ich halt untersucht und dann wurden mir die Augen so geblendet für die Untersuchung. Und die haben aber nichts festgestellt. Und ich wurde dann so entlassen, sie können nichts wissen, mir nichts sagen. Und ich stand dann draußen und konnte nichts sehen. Es blendete alles und ich war völlig rastlos und hilflos.
Und jetzt im Nachhinein merke ich, das war einer der schlimmsten Momente überhaupt in dieser MS-Geschichte, dass ich da stand. Ich kam aus der Praxis raus, es hatte gerade geregnet, die Sonne schien aber drauf. Es blendete alles und mit diesen Augen, mit denen ich nichts sehen konnte. Und die haben mich einfach stehen lassen. Ich hatte noch gesagt, na ja, kann das vielleicht mit dem Blutdruck zusammenhängen. Ja, könnte, aber sie könnten mir jetzt nicht den Blutdruck messen. Und so stand ich da und wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte und wo das überhaupt hingeht. Und dann bin ich in die nächste Apotheke gegangen, habe mich da hingesetzt und gesagt, könnt ihr mir mal Blutdruck messen. Vielleicht ist es das. Haben die getan und haben mich dann auch gemerkt eben meine, ja, das war so eine Hilflosigkeit. Ich habe mich echt hilflos gefühlt.
Der Blutdruck war aber ganz normal. Und dann habe ich mich so langsam wieder gefangen und bin dann irgendwann wieder nach Hause gefahren mit den Doppelbildern. Und das ging im Laufe der … ungefähr einer Woche wieder weg. Aber ich war völlig ratlos. Und dann waren diese Augenstörungen, das war dann irgendwie vorbei. Und keiner wusste wieso. Und war halt so. Und dann ganz kurz da drauf merke ich wie an meinem Bein, rechte Seite vom Fuß her, so ein Taubheitsgefühl hochzog. Und das fand ich auch erstmal noch nicht … Ich habe ja wieder gearbeitet. Ich war ja nun vorher gerade schon so krank gewesen, zwei Mal. Und natürlich gehe ich wieder arbeiten und mache alles. Und bin auch mit diesem tauben Fuß wieder arbeiten gegangen. Und dann war das ein Freitag, weiß ich nicht, da habe ich Freitagmorgen gedacht, heute Nachmittag gehe ich zum Arzt. Bin also dann, so vor dem Wochenende, das mache ich mal. Und dann bin also zu meinem Hausarzt hingefahren.
Und während ich … Dann sollte ich da noch ins Wartezimmer gehen. Und während ich dann im Wartezimmer saß, habe ich gemerkt, das geht gerade mal gar nicht. Ich kann mir zugucken, wie sich da was verändert. Also das war vom Fuß hochgezogen, die ganze rechte Seite hoch. Und in dem Moment, beim Arzt während des Wartens, zog sich das immer höher, wie wenn ich in der Zahnarztpraxis bin und mir gerade eine Spritze gegeben wurde. Die Betäubung zog sich in das Gesicht hoch. Wird mir jetzt schon wieder unheimlich. War also die ganze rechte Seite irgendwie merkwürdig und komisch. Und ich konnte dem zugucken und habe gedacht, so, Gott, wirklich, was passiert jetzt. Und ich war wirklich entsetzt oder verängstigt oder, keine Ahnung. Also, mir ging es richtig schlecht. Und dann bin ich zur Rezeption. So, kann ich vielleicht jetzt schon mal. Ich glaube, da passiert gerade was, das ist nicht witzig. Und konnte es überhaupt nicht einordnen. Der taube Fuß, den habe ich noch eingeklemmten Nerv und ich hatte schon mal eine Rücken-OP, Bandscheiben, das habe ich überhaupt nicht ernst genommen. Aber das im Gesicht schon. Und dann, ja, wurde ich sofort rein gerufen. Und die Ärztin hat mich dann, das war gar nicht mein Hausarzt, aber eben eine Ärztin, die mich nicht weiter kannte. Aber die war gleich so, also Reflexe getestet und gleich gefragt, wo ich denn hin möchte, da muss man neurologisch mehr untersuchen. Und dachte ich, Ups, das ist jetzt also mehr als die Bandscheibe. Das ist noch eine andere Nummer. Sie war in anderer Anspannung. Von MS, das Ganze, viel überhaupt noch nicht. Gar nicht. Aber sie sagte, neurologisch und Neurologie. Und jetzt konnte ich mir noch aussuchen, welches Krankenhaus.
Ich sollte auch nicht mehr alleine nach Hause fahren. Ich konnte meinen Mann anrufen, dass er mich dahin fährt. Ich war leicht irritiert. Ich war, ja, war nicht schön. Und der hat mich dann … Dauerte dann eine Weile bis er kam. Mein Auto haben wir da stehenlassen. Er hat mich dann nach Schleswig ins Krankenhaus gefahren. Und da ging es aber dann alles ganz gemütlich und ganz langsam, bis man denn endlich irgendwo dran kam. So, und dann war es abends spät. Dann war also irgendwie … Ein CT uns so, ein paar Untersuchungen liefen dann schon. CT auf jeden Fall. Und irgendwann nachts haben sie mir noch Nervenwasser gezogen. Und, ja, dass ich da bleibe, war dann irgendwie auch klar.
Und dann habe ich Cortison gekriegt, Infusion, also eine Stunde am Tag. Blieb da eine Woche. Keiner wusste was ich habe. Irgendwann habe ICH dann vorgeschlagen, also keiner hat so richtig irgendwas gesagt. Der Arzt hat mich nicht aufgeklärt, was sein könnte. Ich war sehr hilflos. Andererseits war ich gut gelaunt. Ich war zwischen lauter Leuten, den es wirklich schlecht ging. Ich mit dem Cortison, mir ging es gut. Ich war da so ein bisschen … Ich habe dann der Dame was gebracht und da … Also ich war so, auf der Station war ich so ein bisschen Gute-Laune-mäßig unterwegs irgendwie. Habe da allen geholfen und wusste ja selber nicht was los ist.
Und dann an dem Freitag erzählte mir dann der Arzt … Ach genau, ich hatte noch die Idee von Borrelien, weil im Wald arbeite. Kann ja sein, Borreliose, wäre ja nahe liegend. Das konnte er aber irgendwie nicht bestätigen. Und dann Freitag Vormittag ruft mich dann der Arzt in ein extra Zimmer und erzählt mir was von Verdacht auf Multiple Sklerose. Und ich dachte nur, weiß ich jetzt nichts von. Ich wusste gar nichts. Er erzählte nur, Verdacht, man weiß es noch nicht. Wenn es das ist, dann müsste ich noch mal bleiben eine Woche, weil da hätte die Dosis von dem Cortison noch nicht gereicht. Dann müsste ich also für diese Infusion noch mal eine Woche da auf Station bleiben. Genaueres wüsste man dann. Und er verabschiedet sich dann ins Wochenende. Ich merke gerade, dass ist so unglaublich. Kann ich kaum mehr flüssig sprechen, weil das so unglaublich ist.
Er verabschiedete sich dann in sein Wochenende, und, bis Montag. Und ich saß da und dachte, ich weiß jetzt nicht was hier ab geht. Und dann habe ich ihn noch gefragt, ob er mir irgendwelche Infos halt … Ich wusste über MS gar nichts. Für meine Reit-Therapie sind das potenzielle Kunden, Klienten, für mich. Aber ich hatte damit nie zu tun. Ich wusste nichts über MS. Und dann bringt er mir so ein paar Flyer von irgendwelchen Pharma-Firmen, von irgendwelchen Medikamenten. Ja. Und das war es. Und dann hatte ich das Wochenende. Und ich merke jetzt so im Reden, in dem Erzählen, was das ausmacht. Da drüber reden, das war so unaussprechlich was da passiert ist. Im Nachhinein war ich ganz froh drum, dass er mich nicht weiter aufgeklärt hat, dass ich nicht belastet war durch irgendwas. Ich war überhaupt nicht belastet, nur völlig irritiert. Ich habe die Dinger dann durchgelesen. Und dann stand da was von MS-Schwester, man spritzt sich und dann gibt es eine Schwester, die man dann immer befragen kann. Dann habe ich gedacht, gut, da ist jemand, die einem irgendwie zur Seite steht. Spritzen tun Diabetiker sich auch, die können damit leben. Okay. Dann habe ich Informationen über die möglichen Schübe gelesen. Also was so an Auffälligkeiten sein kann. Habe gedacht, gut, manches hatte ich schon.
Diese Erschöpftheit, hatte ich ja gerade die Wochen vorher. Erschöpftheit, Sehstörungen. Okay, dann hing das damit zusammen. Und ging ja immer wieder weg. War ja wieder weg. Hat mich also nicht so sehr erschreckt. Und so mit der Zeit kamen ja noch mehr Sachen. Ich hatte auch schon so, wenn ich geduscht hatte, dann hatte ich plötzlich das Gefühl, die Dusche, das Wasser, die Temperatur verändert sich. Da ist der Regler kaputt oder was. Bis ich gemerkt habe, nee, das ist nur über der Schulter, über dieser Schulter und nicht überhaupt. Also war das ja in mir. Und das wurde auch damals untersucht und wurde nichts gefunden. Und dann habe ich so gedacht, ja, ich hatte wohl schon Schübe, die aber immer wieder weggingen.
Genau, ich war dann noch die Woche da. Und dann wurde ich entlassen, ohne Hinweis, was ich noch nehmen müsste. Ich hatte nur diese Flyer-Infos. Mehr wusste ich nicht und wurde so entlassen. Und dann sollte ich wohl zu einer Reha. Das war das mit der Diagnose."
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