Zum Inhalt springen

MS Diagnose

Gerd Friedmann, 31 Jahre alt

MS-Diagnose seit 2016

Wird erst auf Klick geladen. Dabei stellt Ihr Browser eine Verbindung zu Vimeo her.

Gerd hat vom Radiologen mitgeteilt bekommen, dass Verdacht auf MS besteht. Am nächsten Tag hatte er einen Termin bei seinem Neurologen und hat davor die ganze Nacht damit verbracht, verschiedene Informationen zu MS im Internet zu sichten. Er hat auch um Rat bei Selbsthilfegruppen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft gebeten und sich mit einer MS Betroffenen ausgetauscht, die ihm den ersten Schrecken genommen hatte.

"Also die ersten Probleme hatte ich am Abend des 24. Dezembers. Ich hatte ein Drücken im Bauch. Und wie das so ist um die Jahreszeit, man isst halt viel. Und ich dachte, okay, vielleicht ein bisschen überfressen und mmhh. Das ist gerade schwierig. Einfach weiter. Und am nächsten Tag war es immer noch da. Aber da war das Drücken schon ein bisschen anders. Es hat sich irgendwie stärker angefühlt. Und ich dachte, okay, war jetzt immer noch nicht vernünftig auf Toilette. Vielleicht irgendwas im Magen-Darm schwierig. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war das auch noch so. Und 2015 im Dezember waren die Anzeichen. Und das Jahr ist da irgendwie sehr merkwürdig zwischen die Feiertage gefallen deswegen hatte auch kein Arzt direkt danach offen. Also habe ich beschlossen, ich hole mir Sauerkrautsaft, weil der sehr stark abführend wirkt. Und ich dachte, irgendwie muss das weg eben dieses Drücken. Der hat auch das gewünschte Ergebnis gehabt, aber dieses Drücken ging nicht weg. Und dazu kam dann auch kurze Zeit später eine Taubheit im Bauch. Und die hat sich nach unten gezogen, so dass ich am 30. Dezember in die Notaufnahme gegangen bin. Meine Mutter hat mich von Zuhause abgeholt und hat mich dann dorthin gefahren. Und zwischen den Feiertagen sind diese Stellen auch wenig besetzt. Deswegen gab es dort keine Diagnose, sondern man sagte, ja, haben Sie sich nicht so. Am 3. Januar gibt es wieder offene Ärzte. Dann gehen Sie mal da zum Arzt. Ich kann jetzt nichts feststellen. Und das meinte damals der neurologische Assistenzarzt wahrscheinlich. Der hat auch ein paar Klopf-Tests gemacht. Sind Reflexe noch da. Konnte aber nichts feststellen. Im neuen Jahr bin ich dann erstmal zum Hausarzt gegangen. Habe ihm von meinen Symptomen erzählt. Er hat mir eine Überweisung gegeben zum Zum Orthopäden. Bin ich zum Orthopäden gegangen. Und der meinte, nee, kann ich nichts feststellen. Sie können sich noch 1A bewegen. Da kann ich jetzt nichts machen. Und ich hatte aber diese Beschwerden. Und dieses Drücken und Taubheit wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und mit der Zeit entwickelt man dann natürlich böse Gedanken, was das alles sein könnte. Und ich habe dann gesagt, okay, was kann ich jetzt machen. Ja, wir können da nichts machen. Können höchstens eine Überweisung geben. Dann geben Sie mir eine Überweisung. Ja, wir wissen jetzt nicht wohin. Aber wir können Sie mal zum Neurologen schicken.

Der Neurologe hat direkt ein paar Tests gemacht, weil ich der letzte war und der Kurierdienst vom Labor auch in den Startlöchern stand, wurde erstmal ganz schnell Blut abgenommen und alles. Und dann hat er angefangen Reflexe zu überprüfen. Und hat festgestellt, dass in der Bauchgegend die Reflexe fehlten. Und meinte, ja, da könnte was sein. Das muss jetzt näher untersucht werden. Hier MRT-Termine. MRT-Termine in Berlin zu bekommen ist gänzlich schwierig. Und die Arzthelferinnen haben mir so gute Termine gelegt wie möglich. Die wären dann aber erst im März oder so was gewesen. Zum Glück bin ich in einer Krankenkasse, die einen Terminfinder-Service hat. Und dort habe ich dann angerufen. Und dann hatte ich direkt in derselben Woche den ersten MRT-Termin. Den zweiten hatte ich zwei Wochen später.

Dann kam der erste MRT-Termin. Dann kam der zweite MRT-Termin und zwei Tage nach dem zweiten MRT-Termin hat mich die Neurologie angerufen. Der zweite war die Halswirbelsäule, glaube ich. Genau. Und dort gab es bereits Auffälligkeiten. Und die Arzthelferin meinte, okay, wir müssen da jetzt schnell ein vom Kopf machen. Und dann hatte ich schon die Woche darauf den Kopf-MRT-Termin.

Und danach hat mich der Radiologe zu sich ins Zimmer bestellt und hat mir die Diagnose gegeben. Und zwar relativ ungeschönt. Und ich glaube auch im Nachhinein war das die richtige Reaktion von ihm. Er hat mir von vorn herein gesagt, okay, das sieht hier nach Multipler Sklerose aus. Das bedeutet jetzt DAS für sie. Ihr Neurologe bekommt diese Daten morgen. Und ich habe ihm dann auch gesagt, ja, ich habe morgen auch direkt den Termin bei ihm. Der wird Ihnen dann noch mehr darüber erzählen. Und, ja, dann gab es auch den ersten Heulkrampf in dem Moment als ich aus diesem Hospital, aus dem Krankenhaus raus war. Da kam dann die Realisierung, okay, das ist da um da zu bleiben, jetzt erstmal. Aber ich wusste nicht genau was das bedeutet. Also man hat eine grobe Vorstellung, wenn man davon liest erstmal überall im Internet. Was ist MS? Was macht das mit einem? Und auch damals war der erste Eindruck, das läuft auf einen Rollstuhl hinaus. Das ist so der erste Gedanke, den ich damals hatte. Und den, glaube ich, auch viele, die von mir hören, dass ich MS habe, verwundert sind, dass ich mich noch halbwegs normal bewegen kann. Ja. Ich habe danach direkt meine Eltern angerufen, ob sie denn zu Hause sind. Und bin danach direkt zu denen gefahren. Meine Eltern wohnen auch hier in Berlin. Das macht es relativ leicht. Ich bin dann zu meinen Eltern gefahren und habe denen das mitgeteilt, dass ich eine vorläufige Diagnose habe. Also an diesem Abend, nachdem ich aus dem Krankenhaus raus bin. Und dann ich morgen beim Neurologen die Gewissheit haben werde, weil der mir nochmal das Attest ausstellen wird. Und dann wird es weitergehen. Und dass ich keine Ahnung habe wie sich das auswirkt, aber alles wird gut. Meine Mutter war dann mehr besorgt als ich. Ich bin dann nach Hause gefahren. Und dachte mir, okay, jetzt ist so wahrscheinlich so 21 Uhr rum. Dachte mir so, na gut, dann gehst du so langsam mal ins Bett. Aber daraus wurde dann nichts, weil dann fängt der Kopf an zu rattern. Das heißt, ich habe die ganze Nacht eigentlich vor dem Rechner gesessen und geguckt, wo gibt es Hilfe.

Bin auch auf die Seite des DMSG gestoßen, des DMSG-Landesverband Berlin. Habe da gesehen es gibt Selbsthilfegruppen in Berlin. Habe direkt zwei angeschrieben von denen: Hey, ich glaube ich wäre richtig bei euch, weil ich suche Informationen, irgendwie. Und kann mir da jemand helfen. Das eine war eine echte Selbsthilfegruppe und das andere war der junge Stammtisch Berlin, heißt der. Oder junger Stammtisch. Ich glaube, der Zusatz Berlin steht da gar nicht.

Ich wusste nicht, dass ich die RR-MS habe, den schubförmigeren Verlauf. Das weiß man da ja nicht. Oder ob das ein permanenter Verlauf ist. Aber ich wusste, dass es zwei Verlaufsformen gibt. Dass es eigentlich mehr Verlaufsformen gibt, war mir da noch unbekannt. Ich habe dann geguckt, okay, wie ist das Leben damit. Habe auch Dokumentationen von der BBC gefunden, die es auf YouTube gab zur, was quasi eine Knochenkrebs-Therapie ist, nur auf MS umgemünzt. Das heißt, dem … Wie ist denn das? Die weißen Blutkörperchen werden aus den Knochen gelöst. Dann wird das Immunsystem durch eine Chemo platt gemacht. Und dann wird das Immunsystem neu gestartet. Darüber gab es eine komplette Dokumentationsreihe. Ich glaube das sind drei Stunden insgesamt gewesen, wo der Verlauf einer Teilnehmerin beschrieben wurde. Und auch wie sie Physio danach gemacht hat. Okay, es gibt einen Physio-Verlauf. Dann wusste ich, dass es in Deutschland … Habe ich geguckt, gibt es das auch in Deutschland. Ja. Natürlich. Reha-Maßnahmen werden angeboten von allen großen Kassen. Ist kein großes Problem da hinterher zu kommen. Wie ist denn das jetzt aber, wenn das schlimmer wird. Habe ich dann irgendwelches Anrecht auf Behinderungen, irgendwas. Und einen Ausgleich. Habe dann erstmal gelesen, dass es verschiedene Behinderungsgrade gibt. Nicht nur Zack – Schwerbehindert. Fertig. Sondern dass es wirklich einen Grad der Behinderung gibt, nach dem ermittelt wird. Dann schon versucht zu gucken, wo wäre ich dann, wenn dann. Dann natürlich geschaut, okay, ist jetzt MS, wie lange dauert es bis ich im Rollstuhl sitze. Und dann liest man zum Glück auch das erste Mal: Kommt drauf an. Und im gleichen Atemzug steht, es kann 70, 80 Jahre dauern. Es kann nach 10 Jahren soweit sein. Es kann nach 5 Jahren soweit sein. Keiner kann es voraussagen. Genau. Also das waren so Befürchtungen, die man dort einfach im Kopf hatte. Das war auch … Da waren auch schwerere Sachen mit bei. So, was kann ich denn jetzt eigentlich machen. Ist das jetzt automatisch, werde ich jetzt früher sterben. Oder wie lange werde ich dann noch leben. Solche Gedanken waren dann auch mit dabei. Im Internet stehen alle Informationen. Und auch viele falsche Informationen. Aber durch, geschult durch meinen Beruf weiß ich das natürlich, dass es sehr viel Mist im Internet gibt, aber auch sehr viel Wahrheit. Und dass man natürlich die Informationen immer filtern muss. Und das hat sich dann halt so hin- und her geschaukelt.

Ja, dann bin ich denkbar müde morgens zum Neurologen gegangen. Und der hat mir, wie erwartet, die Diagnose ausgestellt. Meinte, okay, was wir jetzt erstmal machen, ist Sie bekommen erstmal Cortison, über fünf Tage hinweg, damit das ganze abklingt. Und ich habe ihn dann noch gefragt, okay, ich habe die Nacht jetzt relativ viel gelesen. Kann er mir dann noch was empfehlen. Und dann war die Ansage: Ja. Draußen sitzt gerade jemand und bekommt Cortison. Ich kann Sie ja dann mal vorstellen. Und es stellt sich raus, die Dame, der ich die Email geschickt habe, die saß dort im Raum und hatte in diesem Moment auch meine Email auf dem Telefon gelesen. Und war auch ersichtlich davon angetan. Also hat sie auch gewartet. Meine Cortison-Therapie hat erst einen Tag später angefangen. Ich habe dann noch kurz gewartet bis sie fertig war. Danach sind wir beide zusammen Kaffee, haben zusammen Kaffee getrunken unten in der Cafetería im Tempelhofer Hafen. Und ich konnte dort erstmal meinen ganzen Ballast abladen, meine ganzen Fragen, die ich hatte. Das sind ja … Das ist was anderes, ob man von einem Menschen das ganze hört, oder ob man das nur liest. Und ich bin dann auch neben ihr gelaufen. Und sie meinte, sie hat zu dem Zeitpunkt 15 Jahre lang schon diagnostiziert. Und sie lief ganz normal neben mir. Also hätte, wenn man genau hingeguckt hat, hat man bestimmt einen Gehfehler gesehen zu dem Zeitpunkt. Aber, ja, nach 15 Jahren, super. Das hat schon mal den ersten Schrecken genommen."

Thema: MS Diagnose

Weitere Berichte zu diesem Thema