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Erzählen von der MS Erkrankung

Gerd Friedmann, 31 Jahre alt

MS-Diagnose seit 2016

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Gerd ging auf der Arbeit offen mit der Diagnose um und hat dadurch viel Unterstützung seitens des Arbeitsgebers und der Kollegen erhalten.

"Meine Ängsten waren sehr, sehr groß, weil ich weiß, dass MS, da ist die Aufklärung nicht so groß. Nun habe ich ja die Diagnose bekommen und bin direkt in die Cortison-Therapie und war natürlich für die Zeit auch krankgeschrieben. Keine Ahnung. Ich habe meine Krankschreibung dann selber vorbei gebracht, weil ich den Grundstock, was ist eigentlich MS, was ist Myelin, was sind Nerven, wie funktionieren Nerven. Zumindest auf einem Laienwissen wusste ich das. Und ich bin zu dem Schluss gekommen während der Cortison-Therapie oder während der ersten Infusion, ich fahre jetzt einfach auf Arbeit und ich erzähle das direkt meinem direkten Chef damals. Und auch hier dem Vorstand. Ich erzähle ihnen das. Ich erzähle das direkt meinen direkten Kollegen, die ich habe. Und habe die direkt zur Seite genommen und habe denen das erklärt. Was ich habe. Dass das nicht weggehen wird. Dass das Auswirkungen haben wird. Dass ich diese Auswirkungen aber überhaupt nicht abschätzen kann. Dass alles gut sein kann. Dass es aber auch ab hier bergab gehen kann. Und diese Überwindung überhaupt mit dem Arbeitgeber darüber zu sprechen, ist sehr sehr hoch. Ich hatte auch überlegt, halte ich es vielleicht geheim und beantrage erst den Grad der Behinderung. Versuche vielleicht sogar 50 Prozent zu bekommen. Also 30 Prozent ist ja mehr oder weniger der Normalwert. Wenn man denn noch Einschränkungen angeben kann, dann kriegt man vielleicht auch die Schwerbehinderung mit 50 Prozent. Das heißt verbesserter Kündigungsschutz. Erzähl ich dem Arbeitgeber also erst, wenn das denn durch ist, was Sache ist. Wir haben hier aber ein sehr familiäres Verhältnis. Das heißt, wir duzen uns alle. Und auch mit meinen direkten Kollegen kam ich vorher super klar. Und deswegen habe ich beschlossen, Augen zu und durch. Und ich lebe mit den Konsequenzen, egal was diese sind. Und ich glaube, das wurde mir auch sehr gut angerechnet. Also im ersten Gespräch mit meinem direkten Chef, der meinte, alles klar. Nimm dir deine Zeit. Ich hätte frei machen können. Also kein Urlaub, sondern frei. Wenn die Krankschreibungen zu viel werden, weil irgendwann läuft man denn ja Gefahr, Krankengeld zu bekommen und das will man ja eigentlich nicht. Sämtliche Szenarien sind wir durchgegangen. Ob das mit Urlaub abdeckbar ist. Er hätte mir hier sogar einfach auch ohne wenn und aber eingewilligt eine Reha mitzumachen. Das war also die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Auch danach in dem Jahr, wenn wir auf Tour gegangen sind, hieß es immer noch: Schaffst du das? Traust du dir das zu? Ja? Nein? Kriegst du das hin? Ist die Belastung okay? Auch heute fragt mich mein Chef jedes Mal, wenn ich mit ihm spreche, also mein Chef, er ist halt der Vorstand der Firma. Der fragt mich: Und – wie geht es dir? Und ist daran wirklich interessiert, dass die Arbeitsbelastung nicht so groß wird, dass ich sie noch leisten kann. Weil Stress ist auf jeden Fall ein Faktor. Jeder Mensch geht aber anders mit Stress um. Manche funktionieren erst richtig gut unter Stress. Manche funktionieren unter Stress gar nicht. Und das ist nach wie vor hier drin, ja, in der Firma, der Wahnsinn. Also wirklich, wenn ich sage, mir wird es zu viel oder im Sommer oder im Hochsommer hatte ich auch, im ersten Sommer besonders, sehr stark mit der Fatigue zu kämpfen.

Ich habe das 'Okay' bekommen, dass ich einfach nach Hause fahren kann und mich hinlegen kann. Den Tag, Tag sein lassen kann und fertig. Das hat hier intern keinen gestört. Es ging hauptsächlich darum: Wird die Arbeit erledigt, die man gesagt hat das man die macht? Und das habe ich für gewöhnlich auch immer eingehalten. Ich bin, glaube ich, nur einmal… oder zwei… vielleicht fünfmal seitdem nach Hause gefahren und habe wirklich das umgesetzt. Ansonsten habe ich einfach das Notebook auch zuklappt und habe… wir haben einen Ruhebereich… in den einfach gesetzt eine halbe Stunde, Stunde gewartet. Wird es besser, wird es nicht besser. Wenn es besser wurde, weitergearbeitet. Also, da habe ich, glaube ich, sehr viel Glück und ich wünsche mir eigentlich, dass es jeder… also, dass jeder dieses Selbstverständnis bei dem Arbeitgeber haben kann. Denn der Arbeitgeber ist ja auch ein Mensch und im Idealfall ist der Arbeitgeber sogar älter als man selbst. Und dann der menschliche Körper darauf ausgelegt, das er im Alter Funktionen abbaut. Das heißt, der hat auch schon das ein oder andere Wehwehchen hinter sich und kann einschätzen was es bedeutet, wenn man auf einmal gegen eine Wand läuft. So fühlt sich das eben an. Man läuft Anlauf gegen eine Wand. Und auch wenn man vorher Karriere… oder eine steile Karriere hinlegen wollte… hat man erst einmal diesen harten Stopp auf jeden Fall. Danach ist die Frage, was man daraus macht und ob man von Kollegen unterstützt wird oder ob man in der Ellenbogengesellschaft lebt. Das ist halt die Frage. Ich hatte hier Glück."

Thema: Erzählen von der MS Erkrankung

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