MS Diagnose
Albert Klein, 53 Jahre alt
MS-Diagnose seit 2015
Herr Klein rät dazu, die Diagnose schnell zu akzeptieren und sich Hilfe zu suchen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft hat ihm besonders dabei geholfen. Er erzählt auch, dass er für sich viel Informationsmaterial finden konnte, aber dass es für seine Frau, die ebenfalls mit der Diagnose ihres Mannes umgehen muss, wenig gab. Die beiden haben von der Deutsche Multiplen Sklerose Gesellschaft das Angebot erhalten, eine Paartherapie zu machen.
"Ich hatte schon erste Gangschwierigkeiten festgestellt, das heißt, ich stellte fest, dass ich nicht mehr so zügig in Gang kam im wahrsten Sinne des Wortes und ich bekam Störungen mit meiner Blase, das heißt, dass ich manchmal ganz knapp erst auf Toilette kam so. Und es gab auch ab und zu Schwierigkeiten mit dem Darm und das war alles so rundherum so irgendwo komisch. Also es fühlte sich nicht gut an. Es war unangenehm. Es war einschränkend. Und dann war ich ständig müde. Also das war auch in der Arbeit eine Situation, die immer unhaltbarer wurde letzten Endes.
Und ja, aufgrund von Vorerkrankungen habe ich das Ganze nicht so wirklich einordnen können. Ich hatte das mehr einer Vorerkrankung zugeordnet selber, dachte mir: „Na ja, gut, das ist halt so, wie es ist.“ Und daraufhin, also dann kam eines Morgens ein sehr, sehr starker Schwindelanfall und dieser Schwindelanfall, der sorgte dafür, dass ich einfach mich nicht mehr bewegen konnte. Ich saß einfach nur dort und es ging nichts mehr. Dann habe ich gedacht: „Okay, ich melde mich krank und gehe ins Bett, schlafe ein paar Stündchen, dann wird es schon wieder werden.“ Und ich habe mich dann ins Bett gelegt und bin dann vier Stunden später aufgewacht und dachte mir: „Prima, alles vorbei“, machte die Augen auf, setzte mich aufrecht hin und dann hat es mich sofort wieder ins Kissen gehauen und ich hatte einen starken Nystagmus. Den Nystagmus als solches konnte ich erkennen. Das ist, dass die Augen so schnell hin und her gehen. Weil ich bin von meiner Ausbildung her Tierarzt und von daher, ich wusste, ich habe jetzt starke zentralnervöse Störungen. Und ja, das war dann der Moment, wo ich zum Neurologen kam und dort wurde dann die Verdachtsdiagnose Multiple Sklerose ausgesprochen. Und ab da nahm das Ganze dann seinen Lauf, ne?
Was hauptsächlich passierte, das heißt, in dem Moment, wo ich dann in der Klinik war und das Liquor genommen wurde und dann die Antikörperreaktion im Liquor sichtbar war, also die Diagnose bestätigt wurde Multiple Sklerose, ja, das war eine sehr, sehr taube Wahrnehmung in mir, also sehr, sehr, sehr unwirklich. Eine solche Diagnose zu bekommen, ist ein sehr, sehr einschneidendes Ereignis, wenn man das bekommt. Also ich wusste nicht, was ich damit wirklich anfangen sollte. Die erste Reaktion war natürlich vielleicht eine typisch männliche: „Ah ja, das kriegen wir schon, wird schon wieder werden.“ Das wurde es nicht. Also es ist eine sehr, sehr lebensverändernde Aussage, die man da bekommt und ab da setzte eine Kaskade ein von Lernen, damit umzugehen mit dem, was da ist.
Und da möchte ich die Gelegenheit nutzen, denjenigen, die diesen Film sehen, zu sagen, wenn man die Diagnose bekommt, macht euch auf den Weg, sie zu akzeptieren, so wie sie ist. Das Leugnen der Diagnose ist ein Teil des Prozesses, was dann einsetzt, aber man fährt besser damit, wenn man in der Lage ist, die Hilfe anzunehmen, die einem geboten wird und danach halt dann Ausschau zu halten: „Wo gibt es diese Hilfe denn eigentlich?“
Und da war meine Erfahrung die, beim Neurologen zu sein in einer Praxis, also ich war in der Praxis in München und da war es halt, im Viertel-Stunden-, Zwanzig-Minuten-Takt wurde das abgearbeitet und das wird dieser Erkrankung nicht gerecht am Anfang. Also man braucht am Anfang viel, viel mehr Informationen. Ich hatte tausende Fragen. Und trotz meines medizinischen Hintergrundes hatte ich immer noch eine ganze, ganze Menge Fragen dazu und das wurde schlecht aufgefangen in der großen Praxis, wo es einfach um Schlagzahl geht. Was ich aber bekam, waren Informationen, an wen ich mich wenden kann und wo ich mehr Informationen herbekam.
Und das ist etwas, auch das möchte ich gerne ganz, ganz deutlich formulieren, mir wurde die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft empfohlen als ein Ort, um hinzugehen, wo man Informationen bekommt, und da sollte man unbedingt hingehen, wenn man die Diagnose bekommt. Das sind sehr, sehr erfahrene Menschen, die einem sehr, sehr sanft auffangen, die einem einen Fundus an Informationen und Begleitung geben können und das war für mich etwas, was mir Halt gab in dieser ersten Zeit.
Und hier ist noch etwas, was wichtig ist, ich fand mich dann in der Situation wieder, dass für mich eigentlich alles da war. Also ich habe viel Beratung bekommen, viele Folders, Infos, Gespräche. Alles stand zur Verfügung, aber für meine Frau war nichts da und das war, das hätten wir fast übersehen. Nicht nur ich hatte natürlich Angst nach dieser Diagnose, sondern meine Frau natürlich auch. Das Leben verändert sich. Es stellen sich die Fragen. Meine Fragen waren: Was kann ich noch leisten? Also vielleicht auch eine typische männliche Herangehensweise. Was kann ich noch leisten? Sicherlich auch eine Infragestellung der Männlichkeit war mit Sicherheit mit dabei. Und für meine Frau war es sicherlich so, dass für sie die Frage war: „Um Gottes Willen, was muss ich denn jetzt alles anfangen zu leisten? Wird er ein Pflegefall so innerhalb von sechs Monaten?“ Das heißt, nicht nur mein Leben hat sich komplett verändert, sondern auch das Leben meiner Frau hat sich komplett verändert. Und während ich durch die Informationen von der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft eigentlich relativ schnell in Watte gepackt war in dem ganzen Prozess, war meine Frau relativ alleine dabei. Sie wurde zwar gut abgefangen im Freundeskreis bei der ganzen Geschichte, aber das reicht nicht.
Und von daher, als wir das erkannt haben, dass meine Frau mit denselben Ängsten, also nicht dieselben, also auch mit Ängsten konfrontiert ist durch die Diagnose, haben wir uns auch wieder an die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft gewandt und haben dort die Möglichkeit bekommen, eine Paartherapie zu machen. Das bedeutet, das ist nichts anderes, als dass man eine Gesprächsmöglichkeit hat. Mit einer Psychologin war das hier in München. Und damit werden die Dinge, die vielleicht sonst unausgesprochen bleiben, die können dann kommuniziert werden innerhalb der Partnerschaft. Und so bekam ich ein größeres Bewusstsein für die Situation meiner Frau und meine Frau bekam ein größeres Bewusstsein für meine Situation und das war nicht etwas, was mal eben so nach drei Treffen vorbei war. Also mit Sicherheit waren das zwei Jahre an Gesprächen in unregelmäßigen Abständen. Das muss man sich jetzt nicht wöchentlich vorstellen, das ist da so alle zwei Monate mal so ein Gespräch. Aber das war ein sehr, sehr wichtiges Element, um also uns in die Erkrankung einzufinden dabei."
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