Rehabilitationsaufenthalt und seine Auswirkungen
Wilhelm Taubert, 51 Jahre alt
MS-Diagnose seit 2011
Für Wilhelm kam ein stationärer Aufenthalt in einer Rehabilitationseinrichtung grundsätzlich erst einmal nicht in Frage. Nachdem er sich doch dafür entschieden hatte, machte er schlechte Erfahrungen.
"Ich fand es grauenhaft. Damals war das auch gleich von vornherein sechs Wochen Reha, psychosomatische über die Deutsche Rentenversicherung und das Problem war … und warum habe ich das gemacht? Nach der MS-Diagnose habe ich natürlich auch gelesen, Rauchen ist ganz schlecht bei MS, weil ich aber schwer süchtig bin, auch schon seit inzwischen fünfunddreißig Jahren, habe ich gedacht, okay, dann mache ich eine Reha und da gelingt es mir dann vielleicht, aufzuhören mit dem Rauchen. Das war aber nicht so. Was passierte? Seit dieser Reha rauche ich noch viel mehr und ich fand das so furchtbar. Das war in … auch so in der Mitte von Deutschland, in Kassel irgendwie und das war wirklich überhaupt nicht mein Ding, obwohl es so Standard-Deutsche Rentenversicherung mit Einzelzimmer war und es war eigentlich eine ganz schöne Gegend. Ich hatte das große Glück, das war das einzig Gute an dieser Reha, drei nette Mitpatienten. Wenn ich die nicht gehabt hätte, das wäre … furchtbar, ich fand es voll nervig. Und genau, ich hatte dann versucht, nachdem ich das beantragt hatte, diese Reha, das wieder zu canceln, weil mir klar wurde, ja, früher schon, bevor ich das antreten musste, nein, das ist doch nicht mein Ding und ich glaube, da kam dann auch wieder so eine Depression dazwischen und das ist die Hölle für einen depressiven Menschen. Man kann nicht in den Urlaub fahren, weil das … man kann nicht zu seiner beknackten Reha fahren und dann wollte ich das canceln und dann habe ich aber gelernt, kann man nicht. Wenn man einmal so einen Bescheid bekommen hat, dann muss man das antreten. Wie so eine Maßnahme vom Arbeitsamt. Ich arbeite selber im Jobcenter, deswegen weiß ich das sehr gut. Wenn das so amtlich … das kann man nicht. Man kann zwar sagen, man ist nicht Reha-fähig vom Arzt bestätigt, aber dann verschiebt sich das nur, das Drama, aber absagen, das geht nicht. Also wirklich interessante Erfahrung und das habe ich als Erfahrung auch hinterher verbucht. Mache ich nie wieder.
Wie gesagt, das Essen war eigentlich nicht gut. Gut, die haben natürlich Tagessätze und ökonomischen Druck, das ist schon klar, aber das ist ganz viel Kontrolle, wer … man kriegt Nummern zugeordnet, wo man mittags sitzen muss beim Essen und dann wird das kontrolliert. Und die Medikamentenabgabe, das würde ich auch nie machen, beim Militär so die Richtung stelle ich mir das eigentlich vor. Nicht wie wenn man … so ein bisschen kafkaesk, wenn man leidet unter den Regularien des Jobcenters oder des Arbeitsamts, wenn man davon abhängig ist und so ist man dann hingepflanzt in so einer Einrichtung. Es gibt schlechtes Essen und dann muss man antreten zu irgendwelchen, in der Schlange antreten Medikamentenausgaben und dann wird abends abgeschlossen, man darf nicht raus nach zweiundzwanzig Uhr, das ist aber recht verbreitet. Ich glaube, das ist Standard. Und dann, ja, die therapeutischen Angebote, also wirklich, das ist für jemanden, der da schon erfahren ist, ist es furchtbar grauenhaft schlecht. Schlecht, schlecht, schlecht. Dann sind mir ganz viele Sachen ausgefallen wegen Streik und … also an therapeutischen Angeboten. Das war alles so ein bisschen lächerlich eigentlich. Ich fand das furchtbar. Ich fand das richtig furchtbar. Ganz schlecht. Schlechte Qualität, aber wie gesagt, unbedarftere Menschen, die davon nichts wissen oder nichts damit zu tun hatten mit solchen Themen, die fanden das … also einige, die neu waren, die fanden das voll interessant, aber meine Mitstreiter da fanden das jetzt auch nicht so … da muss man sich damit beschäftigen, okay, da muss man so Zettel ausfüllen mit Punkten, was hat man gemacht? Morgens Wassertreten oder so und dann muss man unheimlich viele Punkte sammeln. Ich bin ja eigentlich Kulturwissenschaftler und mir fallen dann gleich ganz viele Sachen ein wie absurd das überhaupt ist mit Kontrolle und Angstmachen und so, wenn man sich nicht artig benimmt, dann kriegt man Sanktionen wie beim Arbeitsamt. Furchtbar, ganz, ganz schrecklich und mir wurde das schon klar, dass das alles eine eigene, spezifische Ökonomie da ist, eine eigene Industrie. Davon leben ja auch eine Menge Leute und die kriegen selber und die Angestellten, keine Ahnung, aber das ist völlig absurd. Ich glaube nicht, dass man dadurch … ich würde schon sagen „man“, dass das der Gesundung dient, also diese Form der Behandlung nicht nur mir nicht, das macht mich dann nicht gesund. So ähnlich wie, ich habe hier einmal im UKE geguckt in die Psychiatrieabteilung, Depressionsstation, habe ich gedacht, habe ich noch einmal reingeguckt, habe ich gedacht, nein, also hier werde ich bestimmt nicht gesund. Weil, was passiert da? Man kriegt Medikamente und das ist garantiert nicht so schlimm wie … das kam doch neulich im Fernsehen, Günther Wallraff untersucht Psychiatrische Station. Das war ja wirklich Horror. So ist das auch wieder mal nicht im UKE, aber strukturell ähnlich. Was passiert da? Medikamente und Doppelzimmer. Kriege ich allein schon eine Krise, wenn ich daran denke irgendwie und dann … nein, furchtbar. Und was gibt es dann an therapeutischen Hilfsangeboten? Gut, ich habe auch durchaus zwei Leute kennengelernt, die haben erzählt, dass ihnen das geholfen hat. Die waren dann da zwei Monate und so. Okay, wenn man das … wenn das das eigene Ding ist, man ist … man muss sich um nichts kümmern, man kriegt Essen, man hat dann da, wenn man Glück hat, hat man noch einen netten Pfleger oder eine nette Ärztin, die man mal sieht und dann hat man nette Mitpatienten, aber es gibt das Risiko, dass das eben nicht eintrifft diese netten und dann, ja, was soll das? Für mich jedenfalls ist das nichts."
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